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Julian Reichelt, der Scheinriese der BILD

Wer in die Gedankenwelt des Julian Reichelt eintauchen möchte, sollte sich die Amazon Doku BILD.Macht.Deutschland ansehen.

Eine Tageszeitung sollte Schlagzeilen haben, die die aktuellen Themen des Tages abbilden. Das macht BILD, das Boulevard-Medium aus dem Hause Springer in der Regel ganz gut. Meist versucht BILD dabei auch eigene News zu setzen, die zu Schlagzeilen bei anderen, richtigen Zeitungen werden. Das klappt in der Regel ganz gut.

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Nur bei manchen Themen ist BILD überraschend still und verschlossen. So auch, wenn es um Julian Reichelt, den eigenen Chef geht.

Dieser Tage geht es mal wieder bzw. immer noch um Details darüber, „wie BILD-Chefredakteur Reichelt junge Frauen behandelt haben soll, mit denen er eine Affäre am Arbeitsplatz hat. Eine Mischung aus Sex, Journalismus und Firmengeld.“
So kann man es derzeit in der New York Times in einem Bericht von Ben Smith nachlesen.

Bei BILD und anderen Springer-Presseorganen, wie Welt oder BILD TV findet man dazu nichts.

Auch nicht dazu, wie der Verlag der Ippen Gruppe, zu der auch die Frankfurter Rundschau, der Münchner Merkur und Buzzfeed Deutschland gehören, die Veröffentlichung einer monatelange Recherche des hauseigenen Investigativ-Teams zu Reichelt in seiner Rolle im Springer-Hochhaus an der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin verhinderte.

In dieser Recherche geht es um Mobbing, Begünstigungen und das toxische Arbeitsklima in der BILD-Chefetage. Dirk Ippen persönlich soll nun die Veröffentlichung der Recherche-Erkenntnisse gestoppt haben.

Man darf gespannt sein, ob die Recherche noch veröffentlicht wird, denn das öffentliche Interesse daran ist immens und der Druck auf Ippen entsprechend groß. Es dürfe nur eine Frage der Zeit sein, bis Ippen und Springer nachgeben müssen und Julian Reichelt und sein Verhalten als BILD-Chef auf die Tagesordnung setzen müssen.

Amazon Doku

Wer sich allerdings bereits jetzt ein einigermaßen konkretes Bild (tolles Wortspiel) davon machen möchte, wie es in der BILD-Redaktion tagtäglich abgeht, dem sei die Amazon DokuBILD.Macht.Deutschland?„* empfohlen. Mit Amazon PRIME kann man diese für 0,00€ sehen.

In 7 Folgen erhält man einen sehr direkten Einblick in die Abläufe im Springer Hochhaus. Man sieht wie die BILD täglich erscheint, wie Schlagzeilen generiert werden, wie die Verknüpfung zu BILD TV geschieht und wie Julian Reichelt seine Rolle aus BILD-Chefredakteur wahrnimmt.

Die Doku stammt aus dem Jahre 2020 und behandelt sich deshalb auch mit den Themen des vergangenen Jahres. Corona, Fußball und Politik. Die Vorwürfe gegen Reichelt spielen darin keine Rolle, und das ist vielleicht auch gut so, erhält man doch gerade deswegen einen tieferen Einblick in die Gedankenwelt und Vorstellungen des Julian Reichelt.

Quelle: YouTube

Kritiker nennen diese Amazon Doku manchmal „Hofberichterstattung“, und dieser Vorwurf stimmt auch in Teilen. So etwa, wenn einzelne Redakteure davon sprechen, wie schlecht das BILD-Image ist, natürlich unberechtigterweise, und wie gut doch doch jeder einzelne Redakteur und Mitarbeiter seinen Job macht und bei BILD doch die allerbesten Journalisten der ganze Welt arbeiten würden.
Das sind natürlich Wunschvorstellungen der BILD-Redakteure, doch in dieser Blase scheinen sie wirklich zu leben und glauben offenbar wirklich daran, dass BILD an vorderster Front für die Wahrheit kämpft. Vielleicht ist es auch nur eine Art von Verdrängung. Wie auch auch immer, man muss sich offenbar das eigene Mitwirken an der täglichen BILD schön reden, sonst könnte man so einen Job nicht machen. Das hat die Doku sehr schön herausgearbeitet.

Noch viel interessanter ist es, Julian Reichelt bei seinem täglichen Wirken zu beobachten.Wie er in unzähligen Konferenzen seine Meinung als die wichtigste durchdrückt. Nur sein Weltbild darf in die BILD einfließen. Er bestimmt die Richtung und die Denkweise. Wer da nicht mitspielen möchte, bekommt schnell Stress in der Konferenz.

Auch glaubt Reichelt offenbar immer noch daran, dass man mit „BILD, BamS und Glotze“ das ganze Land regieren oder zumindest beherrschen könnte. Sein Blick über die Dächer von Berlin per Feldstecker und wie er dann gleich einem Feldherren seine Reporter zu den Brennpunkten der Stadt dirigiert ist mehr als entlarvend. Reichelt sieht sich offenbar als kleiner Napoléon.

Im Fußball scheint das sogar ein Stück weit zu stimmen. Als im ersten Corona Lockdown auch die Fußball Welt still stehen musste, bekam BILD ernsthaft Probleme, machen doch die Sport-Leser den größten Anteil an den täglichen Käufern der BILD aus. Ohne Fußball kann BILD nicht überleben.
Kurzerhand zitierte der BILD-Chef die Verantwortlichen von Politik und DFB ins Springer Hochhaus zum Gespräch und setzte die Geisterspiele in der Bundesliga durch. Fußballspiele ohne Publikum, Hauptsache für BILD gibt es irgendwas aus dem Sport zu berichten.

Diese vermeintliche Überlegenheit legt Reichelt auch an den Tag, wenn er Politiker aus dem Inn- und Ausland in seinem Büro besucht. Eltern würden es als „Saustall“ bezeichnen, wie es darin aussieht. Volle Aschenbecher, Kaffeebecher, Unordnung, Kabelsalat, Dreck und Rauch, so muss man sich ernsthaft das Büro von Reichelt vorstellen, in dem er ganz locker und stets mit offenem Hemd seine Gäste empfängt. Leider lassen sich viele diesen Umgang gefallen. Doch Reichelt ist nur ein Scheinriese.

BILD ist ein Auslaufmodell

Ob die oben erwähnten Recherchen etwas daran ändern werden, und wie die Karriere des Julian Reichelt bei Springer weiter geht oder eben nicht, das wird die nächste Zeit zeigen. Fest steht aber schon heute, dass BILD in seiner jetzigen Form ein Auslaufmodell ist.

Seit Jahren kennen die Zahlen der Verkäufe der BILD am Kiosk nur eine Richtung: nach unten. Der Versuch mit BILD-TV noch einmal durch zu starten, ist mehr der Panik geschuldet, denn ein durchdachtes Konzept. Lineares Fernsehen verliert nämlich selbst seit Jahren an Zuschauern. Die aktuellen Quoten von BILD TV sprechen dabei eine deutliche Sprache, niemand braucht noch ein Nachrichtensender, schon gar kein deutsches Fox News.

Es BILD-Chef Kai Diekmann hat das offenbar zeitig erkannt und hat sich in Richtung digitale Welt von Springer und BILD verabschiedet. Im Internet, in den sozialen Medien und den Streaming-Diensten liegt die Zukunft. Dort werden die aktuellen Themen behandelt und dort werden Schlagzeilen gemacht. BILD und BILD TV können da nicht mithalten.

UPDATE: Am Abend gab der Springer Konzern bekannt, dass Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung von seinem Posten als BILD-Chef entbunden ist. Ein achtkantiger Rauswurf beendet die zweifelhafte Karriere des Julian Reichelt.

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