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Das Versagen in Afghanistan.

Bundeswehrsoldaten fühlen sich moralisch verletzt.

Das Versagen des Westens in Afghanistan ist mittlerweile sprichwörtlich. Nach dem vor 20 Jahren völkerrechtswidrig vom Zaun gebrochenen und nun hektisch beendeten Krieg bleibt für den Westen nur eine verheerende Bilanz.

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Afghanistan-Krieg

Die USA marschierten im Oktober 2001 in Afghanistan ein, als Antwort auf die Anschläge vom 11. September in New York und anderen Orten der USA. Zwar gab es Hinweise darauf, dass in Afghanistan vielleicht Kämpfer von Al Kaida (auch Al-Qaida geschrieben) unter ihrem Führer Osama bin Laden Unterschlupf gefunden haben sollen, ganz sicher war dies aber nicht. Doch der damalige US-Präsident George W. Bush musste seine Wut und die Wut der US-Bevölkerung, die praktisch zum ersten Mal in der Geschichte auf eigenem Boden angegriffen wurde, in irgendwelche Kanäle lenken. Da man niemand anderen zur Verantwortung ziehen konnte, begannen die USA die Invasion in Afghanistan. Zur Unterstützung holte man sich die Nato ins Boot, weil man die Anschläge von 11.09.2001 als Bündnisfall auslegte und nach Ansicht von Bush den USA das Recht zur Selbstverteidigung zustehen würde. So bog man sich die Rechtfertigung für den Afghanistan Krieg zurecht.

Zwar konnten USA und Nato zu Beginn recht schnell Boden gut machen und weite Teile des Landes unter Kontrolle bringen, die Nester der Taliban und von Al Kaida, die man u.a. in den zerklüfteten Bergregionen vermutete, konnte man aber nicht komplett ausheben. Nach mehreren Jahren gelang es zwar, Osama bin Laden ausfindig zu machen und ihn zu töten, dies allerdings im angrenzenden Pakistan, der durchschlagende Erfolg gegen die Taliban und Al Kaida blieb jedoch bis zuletzt aus.

Diese Erfahrung musste Jahre vorher bereits Russland bzw. die UdSSR machen. Auch sie zogen nach Jahren des Krieges praktisch mit leeren Händen, dafür mit vielen toten Soldaten und horrenden Militärausgaben wieder aus Afghanistan ab.

Abzug aus Afghanistan

Die USA und die Armeen der Nato traf das gleiche Schicksal. Der Krieg gegen die Taliban und andere Kräfte in Afghanistan ist nicht zu gewinnen, schon gar nicht militärisch. Diese Erkenntnis kam zwar spät, dann aber um so hektischer, denn die USA beschlossen den Rückzug praktisch innerhalb weniger Monate und ohne Rücksicht auf ihre Partner vor Ort.

Auch die deutsche Bundeswehr, die ohne die Mitwirkung der Amerikaner in Afghanistan gar nicht handlungsfähig war und ist, musste daraufhin den Rückzug überstürzt beschließen. Nach über 20 Jahren Einsatz, 59 toten und unzähligen körperlich oder seelisch verletzten Bundeswehr-Soldaten und Kosten von zuletzt geschätzten über 12 Mrd. Euro.

Den kompletten Einsatz der Deutschen kann man nunmehr als Fehlschlag bezeichnen, das ist bereits ziemlich schlimm. Der Rückzug der deutschen Kräfte aus Afghanistan geriet allerdings zum kompletten Desaster.

Bundeswehrführung, Auswärtiges Amt, Bundesinnenministerium und Entwicklungshilfeministerium gefielen sich monatelang darin, die Verantwortlichkeiten für den rechtzeitigen Rückzug der Soldaten und vor allem der Helfer vor Ort sich gegenseitig hin-und-her zu schieben. Trotz vieler Bedenken und Hinweise aus Organisationen, aus der Bundeswehr und von den Oppositionsparteien im Bundestag wurde der Rückzug bis zuletzt verzögert und verschleppt.

Ortskräfte

Die Öffentlichkeit wurde darüber belogen. Die Ortskräfte in Afghanistan, die für uns jahrelang wichtige Tätigkeiten durchgeführt haben und damit zu Feinden der Taliban mutierten, wurden immer wieder hingehalten, vertröstet und ebenfalls belogen. Eine Evakuierung dieser Menschen und ihrer Angehörigen nach Deutschland sollte offensichtlich verhindert werden, trotz gegenteiliger Behauptungen.

Heute ist die letzte der vier Bundeswehr Maschinen, die in den letzten Tagen hektisch und völlig unorganisiert Evakuierungsflüge aus Kabul durchgeführt haben, aus diesem Einsatz zurückgekehrt. Es wird nun absehbar keine Evakuierungen vom Flughafen Kabul mehr geben, und dass obwohl noch unzählige Menschen in Afghanistan sind und auf die versprochene Hilfe warten.

Das ist ein moralisches Armutszeugnis für den Westen und vor allem für die jetzige Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD unter Kanzlerin Merkel und Bundesaußenminister Maas, Bundesverteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer, Bundesinnenminister Seehofer und Bundesentwicklungsmister Müller.

Moralisch verletzt

Wie chaotisch der hektische Abzug der Bundeswehr und der Kräfte vor Ort ablief, das kann man den Schilderungen des Soldaten Marcus Grotian entnehmen.

Der ist Mitglied im Verein „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte“ und schildert, wie er und seine Mitstreiter versucht haben, Ortskräfte in Afghanistan zu unterstützen und ihnen ihre Flut aus dem Land zu ermöglichen.

Quelle: YouTube

Was er in der Bundespressekonferenz einträglich und mit klaren Worten schildert, ist tatsächlich unfassbar. Wie die Bundesregierung und die zuständigen Ministerien auf allen Ebenen versagt oder – schlimmer noch – völlig berechnend die Evakuierung zahlreicher Ortskräfte verhindert haben, ist unvorstellbar.

Obwohl Grotian immer noch Soldat ist, findet er klare Worte. Er sagt wortwörtlich:

Wir wurden moralisch verletzt, doch nicht durch den Gegner, sondern durch die eigene Regierung.

Der Einsatz der Bundeswehr, der viel Arbeit, Schweiß und Engagement und zahlreichen Soldaten das Leben gekostet hat, war am Ende für die Katz. Das allein zu konstatieren ist hart. Das Verhalten der Bundesregierung in den Monaten, als darum ging den Rückzug aller Kräfte aus Afghanistan zu organisieren, aber setzt dem totalen Versagen noch die Krone auf.

Diese Machenschaften müssen umfassend aufgeklärt werden. Dies wird nach der Bundestagswahl im September eine der dringendsten Aufgaben der neuen Bundesregierung sein.

Die Menschen in Afghanistan und die vor Ort verbliebenen Hilfskräfte, die nun um ihr Leben fürchten müssen, nachdem die Taliban wieder die Kontrolle im Land übernommen haben, kann man nur um Vergebung bitten. Vergebung für 20 Jahre sinnlosen Krieg und Vergebung für das unmenschliche Verhalten beim Rückzug.

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